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Microsoft

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Hauptseite » Technik » Informatik » Software » Microsoft
Zitat: «Und sie merken nichts.

Es ist immer das gleiche: Korrupte, inkompetente Politiker setzen stets auf Microsoft, und neulich haben sie ja in München das LiMux[wp]-Projekt abgewürgt, um zum Messias Microsoft zurückzugehen. Ich sage seit 25 Jahren, dass das Mist ist. Wir hätten solche Dinge wie die Office-Programme oder ein Grund-Windows für deutlich weniger Geld selbst entwickeln können, als wir über den großen Teich geworfen haben, um Bill Gates[wp] fett und reich zu machen.

Inzwischen hat zumindest mal bei der Presse jemand gemerkt[ext], dass das enorm gefährlich ist.

Aber ich glaube nicht, dass sich die Erkenntnis durchsetzt. Und selbst wenn: Jetzt wäre es zu spät, weil man da auch mindestens 10 bis 20 Jahre braucht, um die Kurve wieder zu kriegen.

Das ist das Ergebnis einer Laien-Regierung.»  - Hadmut Danisch[1]

Zitat: «Das Bundesinnenministerium hat gemerkt, dass die Verwaltung viel zu abhängig von Microsoft ist.[2] Das sagen ihnen die IT-Fachleute seit mindestens 25 Jahren, aber die Laien- und Juristen­regierung hört grundsätzlich nicht auf Leute, die sich auskennen. Das ist irgendwie wie das Kind mit der heißen Herdplatte, nur dass die 25 Jahre lang die Hand drauf hatten, bis sie merkten, dass es weh tut. Vielleicht haben sie es auch nicht gemerkt und spielen nur Wirtschafts­droh­spielchen mit den USA - Hadmut Danisch[3]
Fast ein Jahrzehnt Arbeit scheint umsonst gewesen zu sein. Die Stadt München prüft derzeit die Rückkehr zu Windows als Betriebs­system in den Behörden. Dabei sollten die Rechner aus Kosten­gründen mit der freien Software Linux laufen. Sollten ...

LiMux ist der Name des Projekts gewesen, das München 2004 angestoßen hat. Der Plan: Microsoft Windows[wp] als Betriebs­system gegen eine eigens angepasste Version der freien Software Linux aus­zu­tauschen. Die Migration dauerte fast zehn Jahre. Jetzt wird eine Rückkehr zu Windows geprüft[ext].

LiMux - eine Idee mit Modellcharakter

Als 2003 der Support für Windows NT 4 auslief, begann die Suche nach neuen Software-Lösungen. Obwohl Microsoft Updates auf XP anbot, dachte man in der Stadt­verwaltung über einen Wechsel zu freier Software nach.

Der Wechsel auf eine eigens angepasste Variante des Betriebs­systems Linux war teuer. Dennoch bot er Vorteile wie lang­fristige Ersparnisse[ext] durch wegfallende Lizenz­gebühren an Microsoft und eine größere Hersteller­unabhängigkeit. Im Jahr 2004 wurde die Migration unter dem Projekt­namen Limux beschlossen. Das Projekt erhielt weltweite Aufmerksamkeit[ext].

Ein langer Weg

Es sollte allerdings fast zehn Jahre - bis 2013 - dauern, bis die Umstellung abgeschlossen war. Ein Streit um Software-Patente bremste das Projekt bereits in seiner Startphase aus. Testphasen dauerten im Anschluss länger als geplant. Eine der größten Heraus­forderungen für die Entwickler bestand darin, Software­brücken zwischen Linux und den Arbeits­programmen der Verwaltung zu schaffen. Freie Office-Anwendungen wie OpenOffice.org[wp] fanden ebenfalls Einzug an den Arbeits­plätzen der Münchner Beamten.

Gegenwind für den Pinguin

LiMux war von Anfang an ein umstrittenes Projekt. Wie zu erwarten war, klagten schnell die ersten Mitarbeiter über Probleme mit der neuen Software. Die Einführung von LiMux fiel mit einer Zentralisierung[ext] der Münchner IT zusammen, was für zusätzliche Beschwerden sorgte. Zwischen­zeitlich veröffentlichte HP im Auftrag von Microsoft eine Studie[ext], die wesentlich höhere Kosten als von der Stadt angegeben berechnet hatte. Als besonders problematisch galt auch der Austausch zwischen städtischen Einrichtungen mit denen des Bundes - denn dort lief weiter alles unter Windows.

Und dann ist da noch der Faktor Mensch. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzten schlicht und ergreifend lieber Windows[ext]. Ob LiMux wirklich ein Fehlschlag war und was schlussendlich zur Abkehr von dem Projekt führte, bespricht detektor.fm-Moderatorin Marie Landes mit Jörg Thoma.
- detektor.fm[4]
Christian Ude[wp], Jahrgang 1947, empfängt das Linux-Magazin zum Interview in seinem Schwabinger Büro. Ab 1993 war er direkt gewählter SPD-Oberbürger­meister von München, dreimal wählten ihn die Münchner mit steigender Zustimmung wieder. Unter Ude und seinen grünen und rosa Koalitions­partnern rüstete die Stadt­verwaltung ihre PCs auf Linux um[5], was weltweit große Aufmerksamkeit[6] in der IT-Branche erregte. Wenige Monate nach seiner letzten Amtszeit kassierte die neue SPD-CSU-Koalition den damaligen Beschluss[7] und kündigte die Rückkehr[8] zum "Industrie­standard" an.

Linux-Magazin: Herr Ude, unter Ihrer Führung fiel die spektakuläre Entscheidung der Landeshauptstadt München, für die damals etwa 14.000 PCs der Verwaltung, Linux statt weiterhin Windows zu verwenden. Anlass waren anstehende Upgrades für Microsoft-Produkte.

Christian Ude: Ich bin überhaupt nicht der IT-Spezialist, der eigene Ideen oder Wünsche zu dem Thema in Politik umsetzen wollte. Ich habe mich nur maßlos geärgert, dass Microsoft plötzlich den Support zurückzog und die Landes­haupt­stadt München damit zwang, einen Wechsel zu bezahlen, für den sie sich als Kundin gar nicht aus freien Stücken entschlossen hatte. Ich habe das mit deutschen und europäischen Microsoft-Repräsentanten immer wieder diskutieren müssen. Je größer der zeitliche und persönliche Abstand wurde, desto deutlicher haben die zugegeben, dass das ein skandalöser Umgang mit der Kundschaft ist.

Sie haben uns als Kunde mit einer fünf­stelligen Zahl von Geräten einfach vor die Alternative gestellt "Friss oder stirb!" - friss unseren Wechsel und zahle oder stirb mit alten Geräten, für die es keinen Support mehr gibt. So haben wir den Macht­missbrauch eines markt­beherrschenden Konzerns kennengelernt und sind dadurch auf die strategische Frage gestoßen: Sollen wir und dürfen wir in solcher Abhängigkeit bleiben? Deswegen sage ich: Angestoßen hat die Diskussion Microsoft.

Uns ging es um eine Vielzahl von Fragen, nicht nur um die finanzielle Abhängigkeit oder einen Preis­vergleich oder um zu über­windende Widerstände. Wir haben die methodische Abhängigkeit von einem Anbieter kritisch gesehen und auch die Daten­sicherheit, die ja bei Microsoft sehr umstritten war und in der Fachwelt noch umstritten ist. Und es ging uns um die Akzeptanz bei den weitesten Kunden­kreisen der Stadt.

Die setzen Macht auf Knopfdruck um in Preispolitik

Diese Fragen haben wir Gutachten und Gutachtern anvertraut, und das Resultat war eindeutig, dass Microsoft zwar bei manchem Preis­vergleich billiger ist, aber eben bei der Daten­sicherheit ein Risiko­faktor bleibt und beim Thema Unabhängigkeit ein monopol­ähnlicher Anbieter ist. Für uns war der strategische Wert auch wirtschaftlich bedeutsam, ein unabhängiger Kunde zu sein, der sich nicht ausliefert. Deswegen haben mich vor allem die CSU und Microsoft immer kritisiert. Aber ich bin der Ansicht und bleibe dieser Ansicht, dass, wenn man sich aus einer Abhängigkeit von einem Groß­anbieter[9], der seine Macht auf Knopfdruck in Preis­politik umsetzen kann, in eine Unabhängigkeit begibt, dies einen wirtschaftlichen Wert darstellt.

Linux-Magazin: Wie groß war der Druck anschließend?

Christian Ude: Wirklich gewaltig, und zwar zunächst einmal von beiden Seiten. Es gab eine begeisterte Open-Source-Szene mit Hunderten allein in München und Tausenden Anhängern in ganz Europa. Die haben in kaum noch zählbaren Mails an uns appelliert, wir müssten den Schritt in die Unabhängigkeit wagen. Wir sollten der Szene ein Beispiel geben, dass große behördliche Kunden Daten­sicherheit und Unabhängigkeit zu schätzen wissen. Zugleich hat die Microsoft-Seite auch Druck aufgebaut.

Seelenmassage von Steve Ballmer und Bill Gates

Das Intensivste, was ich persönlich erlebt habe, war ein Besuch von Steve Ballmer[wp], immerhin Vize­präsident von Microsoft. Der hat seinen Ski-Urlaub in der Schweiz unterbrochen, um mich zu besuchen. Mit seiner bekannten Begeisterungs­fähigkeit, mit der er auf Konferenzen dynamisch auf der Bühne herumspringt, sprang er bei mir im Amtszimmer herum und pries erst einmal die Schönheit Münchens. Aber dann sagte er, ich stünde vor einer katastrophalen Fehl­entscheidung, die ich niemals vor irgendwem verantworten könne, vor allem vor keinem Steuer­zahler.

Er machte witzigerweise während des Gesprächs ständig neue finanzielle Angebote, was Microsoft noch alles zusätzlich dazugäbe, für das Schulreferat zum Beispiel. Laufend wurden die um eine Million und noch eine Million und noch eine Million und später ein Dutzend Millionen günstiger als zuvor. So wichtig war Microsoft die international als IT-Hochburg wahr­genommene abtrünnige Landes­hauptstadt München als Symbol.

Würde sie einen Weg aufzeigen oder reumütig in den Schoß von Microsoft zurückkehren? Wir haben zwar ausgerechnet, dass Ballmer das finanzielle Angebot um rund 35 Prozent nachgebessert hat. Aber da wir ja eine strategische Entscheidung vornehmen wollten und nicht nur einen Preis­vergleich anstellen, war dies nicht erheblich.

Linux-Magazin: Bill Gates[wp] kam auch zu Besuch?

Christian Ude: Der war in München wegen einer Präsentation des Hauses der Zukunft, die ihn wahnsinnig begeistert hat. Bei dem konnte man schon vom Auto aus bestimmen, wie hoch die Zimmer­temperatur in jedem Zimmer sein und ob der Kühlschrank schon mal etwas auftauen soll. Auf seiner Rückfahrt zum Flughafen hatte ich die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Ich saß also zusammen mit einem der reichsten Männer der Welt in einem getarnten Liefer­wagen, der innen luxuriös ausgestattet war, von außen aber ausschaute, als gehöre er einem kleinen Handwerks­betrieb. Gates hat mich fassungslos gefragt: Warum machen Sie das? Das ist doch widersinnig! Das ist doch gar nicht zu verstehen!

Nachdem ich jetzt nicht der hartgesottene IT-Spezialist bin, der einem Bill Gates gewachsen wäre bei jedem Detail, habe ich nur gesagt: "Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, es geht uns um die Unabhängigkeit. Wir wollen nicht abhängig sein." Dann sagte er: "So ein Unsinn, von wem denn abhängig?" "Weil Sie schon mal da sind: Von Ihnen natürlich!" Das hat ihn richtig in sich zusammen­fallen lassen, und er hat gesagt: "Es ist für mich unbegreiflich, das ist Ideologie."

So hat Microsoft wirklich jede Form der Seelen­massage angewandt vom galoppierenden Preis­nachlass während einer einzigen Unterredung bis zum Einsatz des Megastars Bill Gates. Ich bin aber hart geblieben. Ich habe Linux für München nicht entdeckt oder entwickelt. Aber den Kopf hingehalten habe ich schon. Aber es ging nicht um mich, sondern um ein Stück kommunale Unabhängigkeit.

Ein Politiker muss damit leben und umgehen lernen, dass es Menschen gibt, die wahnsinnig viel mehr von einem speziellen Thema verstehen als man selbst, aber für Firmen oder Gruppen arbeiten und deswegen nackte Interessen­vertreter sind. Sollten solche interessierten Seiten die ausschlag­gebenden Ratgeber sein? Ich meine, es war ja auch kein Zufall, dass Suse und IBM bei Limux sehr positiv gestimmt waren, weil die auch mit Open Source arbeiten. Microsoft war extrem negativ, wie ich am eigenen Leib verspüren durfte. Beide Seiten verstehen sicher wahnsinnig viel von IT, aber das sind interessen­geleitete Erkenntnisse, die sie verkündet haben.

In einer Fernseh­dokumentation letztes Jahr habe ich gehört, dass die Einfluss­nahmen in der Stadt Wien und im Verteidigungs­ministerium Italiens nicht weniger massiv waren und dass es halt für Microsoft um jeden Preis darum ging zu verhindern, dass irgendwo in Europa sich ein eigener Weg bewährt und als Alternative bereitsteht. Wir in München jedenfalls wollten bis 2014 unabhängig werden.

Politische Querelen

Linux-Magazin: Und tatsächlich - Ende 2013 hat die Zweite Bürger­meisterin, Christine Strobl[wp], verkündet, dass der so genannte Linux-Basis­Client überall erfolgreich eingeführt sei.

Christian Ude: Ich habe dazu etwas in diesem Jahr gefunden, das mich tief bewegt hat. Es geht dabei um Wilhelm Hoegner, den Enkel des gleichnamigen früheren bayerischen Minister­präsidenten. Wilhelm Hoegner war mein IT-Spezialist - Chef des, wie es damals hieß, Amts für Informations- und Daten­verarbeitung. Er hat ganz maßgeblich die Gutachten angefordert und die Entscheidung für Linux mitgetragen. Als Repräsentant der IT der Stadt München hat er die Migration nahezu bis zum Ende vollzogen.

Im Bayernspiegel, das ist die Zeitschrift der sehr konservativen Bayerischen Einigung/Bayerischen Volks­stiftung, habe ich einen Nachruf auf Hoegner gefunden. "Kern der Kritik des Enkels war damals und ist bis heute unter kritischen Geistern das Calling Home der Software der US-Konzerne. Leider sind rebellische Geister wie er heute weitgehend aus Politik und Verwaltungen verschwunden, und nachgewachsen ist eine Jugend, die sich gedankenlos im Internet prostituiert, sich ihre Daten rauben lässt und zulässt, dass weltweit operierende Konzerne und ihre Eigentümer Milliarden­gewinne gerne ohne Besteuerung einstreichen, während für den Großteil der Jugendlichen selbst immer öfter nur prekäre Beschäftigungs­verhältnisse zum Mindestlohn übrig bleiben. Und die Landeshauptstadt München ist inzwischen in der Informations­technologie wieder auf alten Wegen bis 2020 zurück zum Betriebssystem Windows."

Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass die sehr konservativ geprägte Bayerische Einigung den Chef der Stadt aus solchen gesellschafts­politischen Gründen heraus derartig in Schutz nimmt und auf den Denkmals­sockel stellt.

Linux-Magazin: Genauso kann man sich die Augen reiben, was kurz nach Ihrer letzten Amtszeit passierte. Im August 2014 tauchten Berichte auf, die Stadt erwäge eine Rückkehr zu Microsoft-Software. Und tatsächlich sorgten Ihr Amts­nachfolger Dieter Reiter[wp] von der SPD und sein CSU-Vize Josef Schmid[wp] dafür, dass Linux wieder von den PCs der Verwaltung verschwinden wird. Beschwerden von Nutzern seien der Grund gewesen sowie Format-Probleme beim Daten­austausch mit Externen.

Christian Ude: Es ist richtig, dass es bei der Umstellung Schwierigkeiten und Ärgernisse gab. Das hat ja auch das Amt [die Haupt­abteilung Informations­technologie des Direktoriums, Anm. der Redaktion] immer eingeräumt. Das ist selbst bei großen technischen Umstellungen in IT-Konzernen nicht anders. Aber es gab bei Limux keine unlösbaren Probleme. Dazu hatten wir detaillierte Texte, Ausarbeitungen der Behörden­leitung und bestätigende Stellung­nahmen der Gutachter.

Linux-Magazin: Ist es in der Kommunalpolitik ein gewöhnlicher oder ein eher ungewöhnlicher Vorgang, ein Prestige­projekt seines Amts­vorgängers und Partei­kollegen sturmreif zu schießen und dann zu schleifen?

Christian Ude: Die erste Bewegung kam unbegreiflicherweise von der OB-Kandidatin der Grünen. Frau Nallinger hat von einem Tag auf den anderen zum Entsetzen ihrer eigenen Stadtrats­fraktion verkündet, dass Limux weg muss und dass es das Gebot der Stunde sei, zu Microsoft zurück­zu­kehren. Sie wurde dann von ihrer Fraktion wieder gebremst. Aber natürlich entstand die Stimmung, dass, wenn schon die Kandidatin der Grünen umfällt, die Position wohl nicht mehr zu halten ist. Abgesehen von der Entgleisung ihrer OB-Kandidatin sind sich die Grünen aber treu geblieben in ihrer Befürwortung von Open Source und Linux.

Zur CSU kann ich nur sagen: Die haben mit offenem Visier gekämpft. Schon bei der Einführung meinten die, das tut man nicht, sich von einem Monopolisten abzuwenden und alles auf eigene Faust stricken zu wollen. Da war die CSU relativ offen, ehrlich und konsequent.

Verblüffend finde ich das Umfallen der SPD, das sich innerhalb eines Jahres vollzogen hat. 2013 haben sie noch "Hurra!" und "eine Pioniertat!" gerufen, aber schon im Jahr 2014: "Der Pinguin muss sterben! Wir wollen nicht der letzte Mohikaner sein." Das ist doch wirklich Wahnsinn, dass die Bürgermeisterin in einem Jahr den bisherigen Erfolg lobt und 2014 plötzlich die Flucht vor Open Source antritt und in den Schoß des US-Konzerns zurück will. Ein großer Teil der Szene, es gibt ja hier Hunderte freiberufliche und angestellte Software-Experten und -Praktiker, konnte sich keinen Reim darauf machen.

Datensicherheit und Unabhängigkeit wertlos

Ich kann nicht die ganzen Gutachten beurteilen, die man als Zeitungs­leser gar nicht zu sehen bekommt. Aber ich stelle mit einiger Verwunderung fest, dass Dinge wie Daten­sicherheit und Unabhängigkeit plötzlich keinen Wert mehr haben. Dazu kommen die Kosten, die die Stadt zu tragen hat.

Die SPD war über ein Jahrzehnt lang stolz darauf, eine Entscheidung getroffen zu haben, die nicht nur ein paar Münchner Stadtteile interessant finden, sondern die in ganz Europa beachtet wurde und vor allem in den USA eine bemerkenswerte Medien­resonanz erzeugte. Das Wahlergebnis der SPD 2014 [30,8 Prozent, 2008: 39,8 Prozent, Anm. der Redaktion] war sicherlich nicht allein wegen Limux, aber halt auch wegen Limux. Es waren die besten Zahlen für die Grünen und die schlechtesten für die SPD, die es je gab. Wie kann die SPD eine große gesellschaftliche Gruppierung - man denke an die früheren 15 Prozent Zustimmung für die Piratenpartei -, die sie europaweit beachtet und vertreten hat, dermaßen vor den Kopf stoßen?!

Die Münchner Grünen haben mal ein Fachgespräch mit Diskussionen über das schwierige Thema angesetzt, da kamen Hunderte Gäste. Mein Freund Hep Monatzeder, der früher mein Dritter Bürgermeister war und danach bei unseren Entscheidungen bleiben wollte, hat mir auch eine Einladung geschickt. Ich bin hingegangen, was danach skandalisiert wurde, ich wolle die Fronten wechseln. Dabei bin ich bei meiner Überzeugung geblieben - der Entscheidung, welche die SPD in meiner Amtszeit nicht nur selbstbewusst, sondern geradezu begeistert getroffen hat.

Linux-Magazin: Mit dem heutigen Wissen - was hätte die Stadt, was hätten Sie anders machen können, damit Limux auf Dauer hätte gelingen können?

Christian Ude: Obwohl wir das immer getan haben, hätte wir vielleicht noch mehr Blut, Schweiß und Tränen im Stile einer Churchill-Rede ankündigen müssen, statt zu früh zu jubeln "Wir haben es geschafft, wir sind über dem Berg!", was sich nicht mit der Meinung aller Nutzer deckte, sondern nur einer Nutzer-Mehrheit. Aber selbst das halte ich schon für einen historischen Erfolg. Wo bitte ist schon die Mehrheit mit einer Idee einverstanden?! In kaum einem Unternehmen, wenn man statt der Presse­abteilung die Belegschaft fragt.

Die CSU hatte im Wahlkampf ja kaum Themen

Mit den Unzufriedenen in der Verwaltung hätte man vielleicht mehr kommunizieren müssen. Vor allem hätten wir bei den Geräten mehr für die Modernisierung ausgeben müssen, damit nicht plötzlich Geräte-Defizite Linux angelastet werden. Der ganze Kurswechsel lässt sich aber nicht an veralteten PCs festmachen, sondern war eine politische Frage. Die CSU hatte im Wahlkampf ja kaum Themen, was sie anders machen will in München. Also brauchte sie ein Symbolthema, bei dem sie sagt: Rot-Grün war ein Weg ins Verderben, wir müssen das Ruder herumwerfen. Deshalb hat ein IT-Thema plötzlich eine solche Durchschlags­kraft gewonnen, obwohl es nur die Stadt­angestellten betrifft.

Aber ich denke, dass das politische Kalkül des Kurs­wechsels nicht aufgehen wird und irgendwann die Frage auftaucht: Warum hat man die schon eroberte Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt? Punkt 1: Warum hat man die Verbesserungs­möglichkeiten bei der Datensicherheit so gering­geschätzt? Punkt 2: Wie viele Kosten sind schlussendlich durch die Rückmigration entstanden? Das wissen wir ja bis heute nicht. Wir wissen nur, dass die Realität den Kosten­voranschlag praktisch immer überholt, also wahrscheinlich auch hier.

Der Artikel erschien zuerst im Linux-Magazin 10/2019[ext].
- Ein Interview von Jan Kleinert/Linux Magazin[10][11]

Einzelnachweise

  1. Hadmut Danisch: Im Würgegriff von Microsoft, Ansichten eines Informatikers am 13. Mai 2017
  2. Sebastian Grüner: Outlook, Exchange und Windows: Innenministerium bestätigt zu große Microsoft-Abhängigkeit, golem.de am 21. September 2019 (Anreißer: Das Bundes­innen­ministerium möchte eine "digitale Souveränität" bei Software in der Verwaltung erreichen. Dem stehen jedoch Monopolisten entgegen, allen voran Microsoft, wie eine Untersuchung im Auftrag des Ministeriums bestätigte.)
  3. Hadmut Danisch: Die Abhängigkeit von Microsoft, Ansichten eines Informatikers am 21. September 2019
  4. Linux ade: München kehrt eigenem Projekt Limux den Rücken, detektor.fm am 22. Februar 2017
  5. Sebastian Grüner: Münchner Freiheit: Bayern schlagen Berliner mit Linux-Migration, Golem am 13. Mai 2011 (Anreißer: Linuxtag 2011 - Das Auswärtige Amt ist an der Migration zu Linux gescheitert, München zeigt nun, dass es doch geht: Mehr als 6.100 Rechner der Stadtverwaltung sind bereits umgestellt. Zum Bergfest vermeldet Projektleiter Andreas Heinrich nur Erfolge - und verrät das Erfolgsgeheimnis.)
  6. Jörg Thoma: Limux: Die tragische Geschichte eines Leuchtturm-Projekts, Golem am 20. Februar 2017 (Anreißer: Politische Querelen, Patent­streitigkeiten, aggressiver Lobbyismus, Fehl­entscheidungen und unzufriedene Mitarbeiter: Die Geschichte des Limux-Projekts gleicht einer Tragödie. Jetzt folgt der vermutlich letzte Akt: die Abwicklung.)
  7. Sebastian Grüner: München: Tschüss Limux, hallo Chaos!, Golem am 24. November 2017 (Anreißer: Nach dem beschlossenen Limux-Ende in München soll in fünf Jahren von Linux zurück auf Windows migriert werden und die Stadt endlich eine effektive IT-Landschaft bekommen. Dieser Plan ist aber klar überambitioniert.)
  8. Sebastian Grüner: Limux-Rollback: Was erlauben München?, Golem am 1. März 2017 (Anreißer: Jetzt haben wir endlich Antwort auf unsere Frage bekommen, warum München von Limux zu Windows zurückkehren will - und sind so klug als wie zuvor. Die CSU rechtfertigt sich gegen Vorwürfe, die wir nicht gemacht haben, die SPD weicht aus und technisch reden beide Unfug. Was soll das?)
  9. Hauke Gierow: Open Source: Kritik an Microsoft-Monopol in der Verwaltung, Golem am 9. April 2017 (Anreißer: Wie abhängig sind Behörden von Microsoft? Ein ehemaliger hochrangiger Beamter der Bundesregierung und andere Experten kritisieren jetzt die Beschaffungspolitik der öffentlichen Verwaltung. Der Microsoft-Lock-In koste Geld und behindere Innovation.)
  10. Von Microsoft zu Linux und zurück: "Es gab bei Limux keine unlösbaren Probleme", Golem am 12. November 2019 (Anreißer: Aus Ärger über Microsoft stieß er den Wechsel der Stadt München auf Linux an. Kaum schied er aus dem Amt des Ober­bürger­meisters, wurde Limux rückgängig gemacht. Christian Ude über Seelen­massage von Ballmer und Gates, die industrie­freundliche CSU, eine abtrünnige Grüne und umfallende SPD-Genossen.)
  11. Video: Limux - Fazit und Ausblick, Golem am 23. November 2017 (Anreißer: Linux-Redakteur Sebastian Grüner zieht ein Fazit des Limux-Projektes der Stadtverwaltung München.)

Querverweise

Netzverweise

  • Wikipedia führt einen Artikel über Microsoft
  • Hadmut Danisch: Krake Microsoft, Ansichten eines Informatikers am 23. Mai 2017
  • Harald Schumann, Elisa Simantke: Cyber-Attacken auf staatliche IT: Europas fatale Abhängigkeit von Microsoft, Tagesspiegel am 13. Mai 2017 (Die Cyber-Attacke mit "Wanna Cry" erfolgte über eine Sicherheits­lücke bei Microsoft. Alle EU-Staaten nutzen Software des US-Konzerns. Das ist auch politisch höchst riskant. Eine Analyse.) (In ganz Europa, von Finnland bis Portugal, von Irland bis Griechenland, basiert die Informations­technik (IT) der staatlichen Verwaltungen auf Programmen des US-Software­konzerns. Weil aber die digitalen Systeme ständig wachsen und immer wichtiger werden, geraten die Staaten damit immer tiefer in die Abhängigkeit von diesem einen Konzern. Die EU-Kommission räumte sogar ein, sie befinde sich "in effektiver Gefangenschaft bei Microsoft".)
  • Stefan Krempl: LiMux-Aus in München: Opposition wettert gegen "katastrophale Fehlentscheidung", Heise Online am 12. Februar 2017 (Grüne und Piraten sprechen angesichts des Vorhabens der schwarz-roten Koalition in München, die Open-Source-Strategie der Stadt quasi nebenbei zu beerdigen, von einem fatalen und millionen­schweren Schild­bürger­streich.) (Durch die Einführung von Linux seien schon bis 2013 elf Millionen an Lizenz­gebühren eingespart worden[ext], in Zukunft würden bei einer Rückmigration zu Microsoft jährliche Mehr­aufwände im Millionen­bereich entstehen, rechnet Florian Roth vor. Die rund 14 Millionen, die bisher in das Experiment mit freier Software investiert worden seien, wären verloren. Mindestens 15 Millionen würde allein der Austausch von nicht Windows-fähigen PC kosten. Richtig wäre es dem Oppositions­politiker zufolge, die Open-Source-Linie "mit pragmatischen Ausnahmen" weiter­zu­führen. Die Verwaltung müsse sich auf eine Zukunft konzentrieren, "in der mobiles und web­basiertes Arbeiten statt PCs mit klassischen Betriebs­systemen im Mittelpunkt stehen werden". Nun gebe es nur einen Gewinner der Linux-Abkehr: In der 2016 von Reiter eröffneten Münchner Microsoft­zentrale würden sicherlich "die Sekt­korken knallen".)
  • Stefan Krempl: Von Linux zurück zu Microsoft: Schwarz-Rot in München will LiMux rauswerfen, Heise Online am 9. Februar 2017
  • Stefan Krempl: IT-Neuorganisation in München: Gnadenfrist für LiMux, Heise Online am 3. Februar 2017
  • Stefan Krempl: Linux in München: Opposition im Stadtrat will bei LiMux bleiben, Heise Online am 12. November 2016
  • Stefan Krempl: LiMux: Münchner CSU will auf Laptops von Linux zurück zu Windows, Heise Online am 20. August 2015
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